Beifahrermodus.

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befahrermodus

So nennt der Gehirnforscher Gerald Hüther den Zustand in welchem unser Geist auf Weitwinkel eingestellt ist. Blauer Himmel, freie Gedanken. Plötzlich werden uns Zusammenhänge zwischen verschiedensten Aspekten unserer Welt bewusst. Der Beifahrermodus erlaubt es uns – da wir für den Augenblick keinem Ziel verbissen folgen, keinem unmittelbarem Wettbewerb und keiner Gefahr ausgesetzt sind – neue Verschaltungen zwischen unseren Nervenzellen auszubauen. Neurotransmitter wie Oxytocyn und Serotonin wirken wie Dünger auf unseren synaptischen Garten.

Warum der passende Ausdruck Beifahrermodus gewählt wurde, wurde mir neulich wieder schlagartig bewusst; nach einer Arbeits- Gedanken- und Ideenreichen Woche machte ich mich am Samstag auf in die Heimat, 40km Landstraße, Routine. Vor und während der ersten Minuten der Fahrt prasselte geradezu ein Gedankenfeuerwerk auf mich ein, welches ich versuchte zu ordnen um es später, wenigstens per Notiz, rekonstruieren zu können. Doch kaum war ich der Großstadt und seiner verstopften Straßen entschwunden, diesem trägen Brei aus Gelbbremsern und Fünfzigfahrern, gerade als ich genüsslich die ersten Kurven der Landstraßen nahm – immernoch tief in Gedanken – da setzte sich ein Fahrzeug vor das meinige.
Das folgende Phänomen hatte ich schon desöfteren beobachtet; ich fühlte mich plötzlich in meiner Entfaltungsmöglichkeit eingeschränkt, der physischen Freiheit beraubt, des Flows beschnitten. Mein Puls stieg, ein Cocktail aus Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin überschwemmte mich. Brainstorming? Pustekuchen! Ich war im Fahrermodus, aber sowas von.

Die Gehirnforschung spricht von einem „Abgleiten in archaische Verhaltensweisen“. Und so war es. Das Messer zwischen den Zähnen, dem Mammut – äh Vorausfahrendem hinterher.

Ich wechselte die Perspektive, versuchte das ganze von außen zu betrachten – und musste laut lachen. Wenigstens das gelang mir noch, wenigstens nahm ich die Sache nicht zu ernst. Tief Durchatmen würde nun der Volksmund sagen, doch damit ist es bei weitem nicht getan. Zwar kann durch die Atmung – wie durch nahezug alle Verhaltensweisen – unsere Gemütslage beeinflusst werden, somit auch ein gewisser „Entspannungsgrad“ erreicht werden, jedoch können der aufgestaute Stress, die im Blut pumpenden aktivierenden Botenstoffe, die „Fight or flight“ Moleküle nicht einfach ins leere verebben. Stress will abgebaut werden. Ein kurzes knackiges Training nach Ankunft und Abstellen des Motors brachte meine inneren Säfte wieder ins Gleichgewicht und ermöglichte mir bald darauf wieder kreativ tätig zu werden.

Und doch fand ich es erstaunlich, wie bereits die trivialsten Dinge uns aus dem Beifahrermodus reißen können. Unser Alltag ist voll davon. Dabei geht es nicht um alberne Vorkommen im Straßenverkehr. Eher um die Gesamtheit unserer verkalkten Verhaltensweisen, welche irgendwann in unserem Leben – meist unreflektiert – von anderen übernommen wurden.

Doch der Fahrermodus kann auch Wertvoll sein. Im Gegensatz zu Herrn Hüther plädiere ich nicht für seine Verdammung, für das gänzliche Vergessen jedes Wettstreitens und Übertrumpfens.
Warum der Fahrermodus so wertvoll ist und wie er Dir von Nutzen sein kann, erfährst du in einem der nächsten Beiträge.